Der Kapitalismus

Kapitalismus

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

In einem kapitalistischen System sind die Produktionsmittel meist Privateigentum, Angebot und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen werden über eine freie Marktwirtschaft effizient gesteuert. Kapitalistische Systeme weisen in der Praxis jedoch erhebliche Schwachstellen auf: Wachstumszwang, unvollkommene Märkte und fehlende Verteilgerechtigkeit.

Definition: Was ist Kapitalismus?

Unter Kapitalismus wird eine Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verstanden, die auf Privateigentum an den Produktionsmitteln und einer Steuerung von Angebot und Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen über den Markt beruht (» Wikipedia). Man spricht in diesem Fall auch von einer freien Marktwirtschaft. Um Mitarbeiter einzustellen, Produkte zu entwickeln, Infrastrukturen aufzubauen und Maschinen zu kaufen, braucht ein Unternehmen erst einmal Geld. In einem kapitalistischen System kommt dieses Geld von Banken und privaten Kapitalgebern. Als Gegenleistung erhalten diese einen Zins oder Dividenden. Zudem partizipieren die Aktionäre am allenfalls steigenden Wert (Aktienkurs) eines Unternehmens. Das Hauptziel privat finanzierter Unternehmen besteht darin, mit Hilfe des Kapitals einen möglichst hohen Gewinn zu erwirtschaften. Alle anderen Ziele, z.B. humane, soziale, ökologische, sind diesem letztlich untergeordnet.

Die Theorie: Der vollkomene Markt

Vereinfacht dargestellt steuert in einer Marktwirtschaft die individuelle Nachfrage der verschiedenen Wirtschaftssubjekte (Unternehmen, Konsumenten, Verwaltung) das Angebot an Gütern und Dienstleistungen. Im Idealfall regeln sich Angebot und Nachfrage automatisch über den Preis, es findet eine sog. effiziente Allokation von Ressourcen statt. Die Idee der automatischen Selbstkoordination freier Märkte hat etwas Bestechendes an sich. Freie Märkte sind denn auch tatsächlich meist ein effizientes Mittel zur Koordination von Angebot und Nachfrage über den Preis. 

In einer freien Marktwirtschaft herrscht ein offener Konkurrenzkampf um Kunden und Ressourcen. Dieser Konkurrenzkampf hat einen positiven Effekt auf die Innovationsrate und die wirtschaftliche Effizienz, denn nur innovative und effiziente Unternehmen können ihre Produkte zu einem konkurrenzfähigen Preis anbieten und so überleben. Die Anbieter versuchen denn auch, die Nachfrage über Innovationen, konkurrenzfähige Preise, Qualität und Werbung zu steigern.

Von einem vollkommenen Markt spricht man, wenn die Marktteilnehmer die volle Transparenz über den Markt haben (Markttransparenz), rein rational entscheiden (siehe auch » Homo Oeconomicus) und ein freier Marktzutritt für alle Teilnehmer gegeben ist. Wie leben jedoch nicht in einer idealen Welt, das gilt auch für die Wirtschaft. Den vollkommenen Markt gibt es in der Realität nicht. Wie unten aufgezeigt, haben der Kapitalismus bzw. die freie Marktwirtschaft schwerwiegende Schwachstellen.

Die Realität: Unvollkommene Märkte, Wachstumszwang und fehlende Verteilgerechtigkeit

Unvollkommene Märkte

Die wirtschaftliche Realität ist durch unvollkommene Märkte geprägt. Die Gründe für das Marktversagen sind u.a. die folgenden:

Die Unvollkommenheiten des Marktes müssen durch wirtschaftspolitische Massnahmen kompensiert werden, damit ihre negativen Nebenwirkungen nicht zu gross werden. Das gelingt in der Praxis bisher nur sehr bedingt.

Der Wachstumszwang

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wurde das Kapital zu einem zentralen Produktionsfaktor. Mathias Binswanger zeigt in seinem Buch "Der Wachstumszwang" (Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2019) anhand von einfachen Wirtschaftsmodellen, dass dem kapitalistischen System ein Wachstumszwang immanent ist. Die Wirtschaft besteht auf der Angebotsseite aus vielen einzelnen Unternehmen. Ein Unternehmen muss Gewinn erzeugen, um längerfristig zu überleben. Dies ist jedoch für die Gesamtheit der Unternehmen gemäss Binswanger nur möglich, wenn gleichzeitig ein reales Wirtschaftswachstum stattfindet. Es gibt für die Wirtschaft nach Binswanger nur die Alternativen Wachstum oder Schrumpfung. Letzteres führt leicht zu einer wirtschaftlichen Negativspirale, die eine Rezession verbunden mit einer hohen Arbeitslosigkeit zur Folge hat. Wird versucht, das Wirtschaftswachstum zu begrenzen, läuft man Gefahr, eine Negativspirale mit fatalen Folgen auszulösen. Wir sind also in einem Wachstumszwang gefangen.

Permanentes Wachstum ist ein Naturprinzip und als solches noch nicht grundsätzlich problematisch – wenigstens solange es menschen-, sozial- und umweltverträglich ist. Dies ist aufgrund falscher Anreize, v.a. wegen der fehlenden Internalisierung von externen Kosten (siehe oben), zurzeit nicht gegeben. Aktuell geht das Wirtschaftswachstum mit einem wesentlich über die nachhaltigen natürlichen Limiten erhöhten Verbrauch an natürlichen Ressourcen sowie der Verschmutzung bzw. Vergiftung der Umwelt einher. Zudem erzeugen Wachstumszwang und Konkurrenzdruck einen starken Leistungsdruck auf die Mitarbeiter, der sich in stressbedingten Krankheiten und einer sinkenden Lebensqualität manifestiert. Der Zuwachs an Lebensqualität durch permanentes Wachstum ist deshalb beschränkt, zumal es nicht unbedingt auf eine Art stattfindet, die eine nachhaltige Optimierung der Lebensqualität zur Folge hätte.

Es scheint deshalb sinnvoll, den Wachstumszwang zu mildern und das Wachstum so zu steuern, dass die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt reduziert werden. Eine zentrale Massnahme dazu ist sicher, die durch das Wirtschaften bedingten negativen externen Effekte mit einem ausreichend hohen Preis zu versehen oder anderweitig zu begrenzen, so dass Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch auf einem nachhaltigen Niveau verbleiben. Im Weiteren sollten Massnahmen zur Dämpfung des Wachstumszwangs geprüft werden, wie z.B. die Förderung von Stiftungen und Genossenschaften als Alternativen zu Aktiengesellschaften.

Fehlende Verteilgerechtigkeit – distributives Marktversagen

Auch ein vollkommener Markt führt lediglich zu einer optimalen Allokation von Gütern, Dienstleistungen und Ressourcen. Angebot und Nachfrage werden über den Preis in ein Gleichgewicht gebracht, d.h. es werden im Idealfall diejenigen Produkte in der Menge hergestellt und angeboten, die nachgefragt werden und sich zum gegebenen Preis auch verkaufen lassen. Eine gerechte Verteilung von Einkommen und Vermögen ist damit jedoch noch nicht sichergestellt. Es besteht vielmehr die Gefahr eines distributiven Marktversagens, d.h. das Ergebnis des Marktprozesses stimmt nicht mit den Vorstellungen überein, was in der Gesellschaft als fair angesehen wird.

Ein zentraler Anteil an den Kosten machen die Löhne aus. Ein Unternehmen wird deshalb nur so viel Lohn bezahlen wollen, wie es muss, um entsprechend qualifizierte Mitarbeiter halten zu können. In einem ungeregelten Arbeitsmarkt ist der Durchschnittslohn der Arbeitskräfte mit einer gegebenen Qualifikation umso tiefer, je höher das entsprechende Angebot an Arbeitskräften mit ebendieser Qualifikation ist. Im Extremfall kann das dazu führen, dass die Löhne der Mehrzahl der Arbeitnehmer auf einem tiefen Niveau verharren und kaum die Lebenshaltungskosten decken, während die Kapitalgeber regelmässig gute Renten einfahren und weiter Kapital bzw. Vermögen akkumulieren können. Die damit einhergehende Ungleichverteilung der Einkommen und Vermögen (gemessen mit dem » Gini-Koeffizienten) ist aus ethischer Sicht problematisch und kann zu sozialen Unruhen sowie dem Ruf nach einer Überwindung des Kapitalismus führen. 

Die Folge: Vermögenskonzentration und soziale Segregation

Die Erfahrung zeigt, dass nicht nur, aber besonders in einem ausgeprägt liberalen oder gar libertären, von der Gesellschaft kaum kontrollierten wirtschaftlichen Umfeld ('laisser faire') ohne ausreichende soziale Ausgleichsmechanismen, das uneingeschränkte Recht des Stärkeren sowie der Eigennutz der Habenden meist zu einer starken Vermögens- und Machtkonzentration bei einigen wenigen Einzelpersonen oder Familien führt. Das ist v.a. in Entwicklungs- und Schwellenländern der Fall, aber nicht nur dort.

Auch wenn ein gewisser 'Trickle-Down-Effekt' von den Reichen zu den Armen stattfinden mag, so stellt sich in einem solchen Umfeld oft eine starke soziale Segregation ein: einige wenige Reiche, eine mehr oder weniger ausgeprägte Mittelschicht und, v.a. in Enwicklungs- und Schwellenländern, eine grosse Masse von armen Menschen am oder unter dem Existenzminimum. Auch die Umweltbelastung dürfte in einem solchen Kontext eher zu- als abnehmen, da die Mehrzahl der Menschen auf das wirtschaftlichen Überleben fokussiert ist.

Dass dies nicht nur ein Problem der Entwicklungs- und Schwellenländer darstellt, zeigen die Untersuchungen von Thomas Piketty:

Das Kapital im 21. Jahrhundert (Piketty)

Wie das Werk 'Das Kapital im 21. Jahrhundert' des französischen Ökonomen Thomas Piketty aufzeigt, wachsen seit einigen Jahrzehnten die Vermögen in allen Industrieländern deutlich stärker als die Einkommen. Als Folge ist der Anteil der Arbeitseinkommen an den gesamtwirtschaftlichen Einkommen signifikant gesunken (USA von rund 66% im Jahr 2000 auf noch 58% in 2016). Ökonomen des IMF ordnen rund die Hälfte des Rückgangs des Anteils des Arbeitseinkommens dem technologischen Fortschritt und rund einen Viertel der globalen Integration zu (u.a. Outsourcing). Laut Piketty gehört die Zukunft eher denjenigen die erben als denjenigen die Wohlstand erschaffen. Auch der Anteil der oberen zehn Prozent am Volkseinkommen steigt in den Industrieländern seit den 80er-Jahren kontinuierlich an, am stärksten im angelsächsischen Raum (England, USA). Die Errosion des Mittelstandes hat v.a. in den USA mittlerweile ein besorgniserregendes Ausmass angenommen und dürfte auch einer der wesentlichen Gründe für die Wahl von Präsident Trump gewesen sein.

Konsequenz: "Brazilianization" in Ländern ohne ausreichende Kontroll- und Ausgleichmechanismen

Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern lassen sich die Folgen eines solchen Systems gut beobachten: Die Wirtschaftselite ist mit der meist korrupten politischen Elite eng verflochten. Sie hat die Tendenz, den oft schwachen Staat zu dominieren und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen an ihre Bedürfnisse anzupassen. Somit kann diese 'Elite' die natürlichen und sozialen Ressourcen ihres Landes ohne grossen Widerstand ausplündern, oft in Zusammenarbeit mit ausländischen Grosskonzernen. In der Fachliteratur wird dies als 'Brazilianization' bezeichnet (wobei Brasilien beileibe nicht das einzige Land ist, auf das diese Symptomatik zutrifft).

Nebenwirkung: Profite werden ins sichere und steuergünstige Ausland verschoben

Der so gewonnene Reichtum wird angesichts der durch das eigene Verhalten geförderten latenten politischen Instabilität oft nicht im eigenen Land bzw. in der eigenen Wirtschaft reinvestiert, sondern ausser Land gebracht. Privatpersonen legen ihre Vermögen vorzugsweise in als sicher und stabil eingeschätzten Ländern wie den USA oder der Schweiz an. Unternehmen verschieben ihre Gewinne über manipulierte Transferpreise, Lizenzkosten, Brand Fees, Management Fees oder Gewinntransfers in Holdinggesellschaften, die vorzugsweise in Ländern mit einer stabilen Politik und tiefen Steuern angesiedelt werden (z.B. in die Schweiz). Oft erhalten die oft grossen Konzerne in diesen Ländern noch zusätzliche Steuerrabatte.

Die Folgen dieser Politik sind für die betroffenen Länder dramatisch: Es wird zu wenig in den lokalen Kapitalstock investiert. Die Länder sind deshalb nicht ausreichend industrialisiert, um ihrer meist steigenden Bevölkerung ein gutes Auskommen zu ermöglichen. Durch die Steuervermeidungsstrategien von wohlhabenden Privatpersonen und Unternehmen fehlt den Ländern das Geld, um ausreichend starke staatliche Strukturen aufzubauen. Das wenige vorhandene Geld wandert zu einem guten Teil in die Taschen von korrupten Beamten, die infolge von unterfinanzierten und strukturschwachen staatlichen Insitutionen nicht für ihre Verbrechen belangt werden. Viele dieser Länder leben zudem schwergewichtig von der Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen (Böden, Rohstoffe), d.h. die aktuelle Bevölkerung lebt auf Kosten zukünftiger Generationen. Beispiele hierfür sind u.a. Russland, Ecuador, Peru und Bolivien, aber auch viele afrikanische Länder. In letzteren werden die Probleme durch die teilweise hohen Geburtenraten noch weiter verschlimmert.

Die wirtschaftliche Gesamtleistung und v.a. die Wertschöpfung solcher Länder bleiben tief. Damit bleiben auch die Wertschöpfung pro Kopf und damit die durchschnittliche Lohnsumme tief. Das grosse soziale Gefälle bleibt erhalten. Die Länder sind in einer Negativspirale gefangen.

Fazit

Die kapitalistische freie Marktwirtschaft führt zwar zu einer guten Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, kann jedoch zu einer starken sozialen Segregation und zur Schädigung oder gar Zerstörung der natürlichen Umwelt führen. Dies lässt sich schwerlich mit sozialen, ethischen und spirituellen Grundsätzen in Einklang bringen.

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Version vom 13. April 2023

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