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Tugendethik

Was ist eine Tugend? Was ist Tugendethik? Warum macht Tugendethik Sinn? Wie werden Tugenden erworben? Welche Tugendsysteme gibt es?

Inhaltsverzeichnis

Warum Tugendethik?

Ethische Entscheide setzen moralische Reife voraus

Die bisher vorgestellten Ansätze der » deontologischen» teleologischen und der » Diskursethik setzen alle eine gewisse moralische Reife voraus. Diese Reife lässt sich nach dem » Moralstufensystem von Kohlberg zwar messen, wie aber kann sie gezielt gefördert werden? 

Der Mensch kommt nicht als moralisch reifes Wesen mit voller Herzensbildung zur Welt.

Woher kommt die fehlende moralische Reife?

Wie andernorts dargestellt, bewirkt die Abgrenzung des Menschen vom Absoluten bzw. von anderen Wesen ein starkes Gefühl für ‚Ich‘ und ‚Mein‘ (Ego). Dieser Fokus ist die Quelle der systematischen Charakterschwächen des Menschen, wie sie z.B. die katholische Morallehre in den sieben Hauptlastern zusammenfasst. Die Charakterschwächen gehören zu den Hauptursachen für unethisches bzw. nicht tugendhaftes Verhalten des Menschen. 

Was ist eine Tugend?

Der Begriff „Tugend“ lässt sich wie folgt definieren:

„Tugend ist das Ideal der (Selbst-)Erziehung zu einer menschlich vortrefflichen Persönlichkeit. Sie beinhaltet weder die Unterdrückung aller spontaner Neigungen oder den Rückzug in weltabgewandte Askese noch die Konservierung geschichtlich überholter oder die Überbewertung instrumenteller Verhaltensnormen. Tugend ist eine durch fortgesetzte Übung erworbene Lebenshaltung: die Disposition (Charakter) der emotionalen und kognitiven Fähigkeiten und Kräfte, das sittlich Gute zu verfolgen, so dass es weder aus Zufall noch aus Gewohnheit oder sozialem Zwang, sondern aus Freiheit, gleichwohl mit einer gewissen Notwendigkeit, nämlich aus dem Können und der (Ich-)Stärke einer sittlich gebildeten Persönlichkeit heraus geschieht.

Otfried Höffe, Lexikon der Ethik, Seite 317

Wie werden Tugenden erworben?

Moralische Reife und Herzensbildung müssen in einem längeren Prozess erst erworben werden – wie alle anderen Fähigkeiten des Menschen auch. Es stellt sich nun die Frage, wie dieser Prozess am besten zu fördern ist. Ein wichtiger Lehrmeister ist sicher das Leben selbst. In den ersten Lebensjahren sind jedoch Elternhaus und Schule die prägenden Elemente.

Tugenden wie z.B. Besonnenheit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Zivilcourage werden erworben, indem die entsprechenden Verhaltensweisen eingeübt werden, wann immer sich eine entsprechende Gelegenheit dazu ergibt. Dieser Prozess beginnt im Kindsalter unter Anleitung der Eltern und Lehrer. Er sollte dazu führen, dass der Mensch in die Lage versetzt wird, selbständig, bewusst und mit einer gewissen Zuverlässigkeit angemessen zu handeln. Im Idealfall werden die entsprechenden Fähigkeiten schliesslich so weit internalisiert, dass sie zu positiven Charaktereigenschaften werden.

Voraussetzung für ein nachhaltig ‚tugendhaftes‘ Verhalten ist jedoch in jedem Fall die innere Einsicht in die Sinnhaftigkeit der entsprechenden Tugenden und das daraus resultierende Entscheiden und Handeln in Freiheit.

Welche Tugendsysteme gibt es?

Aus der Geschichte sind verschiedene Tugendsysteme bekannt, wie z.B. die folgenden:

  • Vier Kardinaltugenden. Das System geht unter anderem auf Platon zurück und beinhaltet die folgenden Tugenden: Klugheit/Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mässigung.
  • Zwölf Rittertugenden. Das System des Heinrich von Mügeln beinhaltet die folgenden Tugenden: Weisheit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit, Stärke, Glaube, Mässigkeit, Güte, Demut, Hoffnung und Liebe.

Diskussion

Die Vermittlung von Tugenden ist grundsätzlich sinnvoll

In einer Welt von Werterelativismus und drohendem gesellschaftlichem Verfall ist die Entwicklung bzw. Förderung von Tugenden grundsätzlich sinnvoll. Eine Vermittlung von positiven Werten und Tugenden in Elternhaus, Kindergarten und Schule ist deshalb wünschenswert.

Tugenden müssen glaubwürdig vorgelebt werden

Die durchzogenen Erfahrungen mit institutionalisierten Tugendsystemen, wie z.B. dem in katholischen Institutionen praktizierten, zeigen jedoch, dass unter Zwang anerzogene bzw. „andressierte“, aber nicht immer glaubwürdig vorgelebte Tugenden häufig zu einer Ablehnung führen oder zur Verdrängung nicht erwünschter Seiten der eignen Persönlichkeit. Letzteres kann zur Ausbildung eines sog. „Schattens“ (C.G. Jung) führen. Der Schatten wird heimlich gelebt (doppelte Moral) oder begegnet uns in Form von äusseren Feinden („unmoralischen“ Personen). Beides ist gerade im religiösen Umfeld häufig anzutreffen. Oft entwickeln Menschen, die in einem solchen Kontext aufgewachsen sind, ein gespanntes Verhältnis zu Kirche und Religion oder werden gar zu Atheisten.

Tugenden müssen didaktisch geschickt vermittelt werden

Tugenden müssen einsichtig seinglaubwürdig vorgelebt und in einer angemessenen Form vermittelt werden. Eine pädagogisch und didaktisch durchdachte Vermittlung durch menschlich reife Erziehungspersonen ist deshalb eine zwingende Voraussetzung. Eine auf Gewalt und Einschüchterung basierende Vermittlung („Schwarze Pädagogik“) muss vermieden werden.

Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, dass es den ideal tugendhaften Menschen nicht gibt. In der Praxis ist es besser, ehrlich zu seinen Fehlern zu stehen, als eine unrealistische, idealisierte Tugendhaftigkeit vorzuspielen bzw. von anderen einzufordern.

Fazit

Die Vermittlung von Tugenden macht grundsätzlich Sinn. Sie muss jedoch auf eine positive und glaubwürdige Art geschehen. Das mag banal erscheinen, ist aber nicht selbstverständlich.