Die Welle ist das Meer – die Perspektive der Mystik
In der Mystik wird mehr Gewicht auf die praktische Gottessuche bzw. Gotteserfahrung gelegt als auf Schriften und theoretische Konzepte. Mystiker aller Zeiten und Religionen haben ihre Erkenntnisse sowie ihre tiefen Erfahrungen des Göttlichen dennoch immer wieder schriftlich festgehalten. Als Beispiel sei an dieser Stelle ein Ausschnitt auf dem lesenswerten Buch von Willigis Jäger „Die Welle ist das Meer“ wiedergegeben:
„Wenn wir uns die Erste Wirklichkeit als einen unendlichen Ozean vorstellen, dann sind wir so etwas wie die Wellen auf diesem Meer. Wenn nun die Welle erfährt ‚Ich bin das Meer‘, dann sind da immer noch zwei: Welle und Meer. In der mystischen Erfahrung aber wird auch diese Dualität überstiegen. Das Ich der Welle verfliesst, und an seiner statt erfährt das Meer sich als Welle. Es erfährt sich in der Einheit von beiden und als Einheit von beiden. Diesen Schritt vollzieht der Mystiker nicht, er widerfährt ihm. Er betrachtet die Wirklichkeit nicht mehr als sein Gegenüber, gleichsam von aussen, sondern er erfährt die Wirklichkeit von innen. Im Bild gesprochen: Er erfährt: Alles ist Welle und Ozean zugleich. Alles ist Ausdrucksform dieser einen Wirklichkeit. Und da alles Ausdrucksform derselben Wirklichkeit ist, gibt es auch eine absolute Verbundenheit mit allem. Das Meer ist alle Wellen und alle Wellen sind eine Einheit. Alles ist Kosmos, und alles im Kosmos ist Manifestation desselben kosmischen Seins. Das aber erfährt der Mystiker gerade darin, dass alle Unterscheidungen zwischen ihm und den Manifestationen des Seins aufhören. Mystik ist nicht jenseits von Gott und Welt. Mystik ist Gott und Welt, ein unteilbares Eines. Die Spannung zwischen den beiden Polen wird deshalb nicht aufgehoben. Es ist die Spannung zwischen dem einen Ende eines Stabes und dem anderen. Es ist die Spannung zwischen Welle und Meer, zwischen Ast und Baum. Gott und Mensch werden daher auch nicht gleich gesetzt. Das Meer offenbart sich als Welle. Meer und Welle kann man zwar verschieden ansprechen, aber ihr Wesen ist Wasser. Die Hand hat zwei Seiten. Wer mit dem Verstand hinschaut, muss eine Seite nach der anderen betrachten. Von innen werden beide Seiten als Eines erfahren. Deshalb ist es zugleich eine Erfahrung der völligen Leere und der totalen Fülle.“
Willigis Jäger, Die Welle ist das Meer, Seite 42f
Viele Mystiker berichten davon, dass in einer Gotteserfahrung die Erscheinungen der Welt „durchsichtiger“ werden und sie in allem was sie sehen und erleben, Gott bzw. das Absolute zu erkennen vermögen. Sie berichten auch davon, dass sie sich nicht mehr als von ihrer Um- und Mitwelt getrennte Geschöpfe wahrnehmen (Aufhebung von Subjekt und Objekt). Der fortgeschrittene Mystiker und Gottsucher erkennt hinter allen Erscheinungen dieser Welt (auch den hässlichen) Gott und wendet sich in Barmherzigkeit der Welt und ihren Geschöpfen zu. ↑
Beispiele von mystischen Erfahrungen
In der religiösen und spirituellen Literatur sowie im Internet finden sich eine Reihe von Beschreibungen von mystischen Erfahrungen bzw. Gotteserfahrungen aus unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten.
Bei allen diesen Beschreibungen ist freilich grosse Vorsicht geboten, denn wir wissen nicht, ob diese Menschen tatsächlich eine solche Erfahrung gemacht haben und wenn ja, diese auch korrekt wiedergeben. Das gilt insbesondere für die teilweise ziemlich reisserisch aufgemachten Berichte esoterisch angehauchter Autoren über Gotteserfahrungen im Rahmen von Nahtoderfahrungen.
Die folgenden exemplarischen Beispiele mögen dennoch einen Eindruck davon zu vermitteln, wie man sich eine solche Erfahrung vorstellen kann. ↑
Erleuchtungserfahrung eines Tibetischen Mönchs und Meditationsmeisters
„(…) mein Geist war glückselig geworden und erweiterte sich, bis er das gesamte Universum ausfüllte. (…) Das ganze Universum öffnete sich und wurde mit dem Bewusstsein vollkommen vereint. Kein begrifflicher Geist. Ich war nicht mehr innerhalb des Universums. Das Universum war innerhalb von mir. Kein vom Universum getrenntes Ich. Keine Richtung. Kein innerhalb oder ausserhalb. Keine Wahrnehmung oder Nichtwahrnehmung. Kein Selbst oder Nicht-Selbst. Kein Leben, kein Sterben. (…) Ich verstand noch immer, was vor sich ging, aber nicht durch Kommentar, Stimme oder Bild. Diese Art der Kognition zeigte sich nicht mehr. Die Klarheit und Lichthaftigkeit des Gewahrseins, jenseits von Begriffen, jenseits des fixierten Geistes, wurde zum ausschliesslichen Instrument von Wissen. Ich war nicht mehr von der Empfindung eines definierten Körper oder Geistes begrenzt. Zwischen mir, meinem Geist, meiner Haut, meinem Körper und dem ganzen Rest der Welt gab es keine Trennung. Kein Phänomen existierte getrennt von mir. Erfahrungen fanden statt, aber nicht mehr durch ein separates Ich. Wahrnehmungen traten auf, aber ohne Rückbezug auf irgendjemanden. Überhaupt keine Bezüge. Keine Erinnerung. Wahrnehmen, aber kein Wahrnehmender. Das Ich, das ich kürzlich gewesen war – krank, gesund, Bettler, Buddhist -, verschwand wie Wolken, die über einen sonnenbeschienen Himmel ziehen. (…) In den folgenden fünf oder sechs Stunden hatte ich keine Berührung mit dem begrifflichen Geist. Mein Geist vermischte sich mit dem Raum wie ein in den Ozean fallender Tropfen Wasser, der unklar, grenzenlos und nicht erkennbar wird, obwohl es ihn noch immer gibt. Es ging nicht mehr darum, dass ich Bäume sah, denn ich war zu Bäumen geworden. Ich und Bäume waren eins. Bäume waren nicht das Objekt des Gewahrseins: Sie manifestierten das Gewahrsein. Sterne waren nicht das Objekt des Wohlgefallens, sondern das Wohlgefallen selbst. Kein getrenntes Ich liebte die Welt. Die Welt war Liebe. Mein perfektes Zuhause. Weit und intim. Jedes Teilchen sprühte vor Liebe, war liquide, fliessend, ohne Barrieren. Ich war ein sprühendes Teilchen, kein interpretativer Geist, Klarheit jenseits von Gedanken. Pulsierend, energiegeladen, allsehend. Mein Gewahrsein ging nicht auf etwas zu, doch alles tauchte auf, gleich einem leeren Spiegel, der alles um sich herum aufnimmt und reflektiert. Eine Blume taucht im leeren Spiegel des Geistes auf, und der Geist nimmt ihr Vorhandensein ohne Zuneigung oder Ablehnung an. Es war, als könnte ich in die Unendlichkeit sehen, als könnte ich durch Bäume hindurchsehen, als könnte ich Bäume sein. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich atmete. Oder dass mein Herz weiterschlug. Es gab kein individuelles Irgendetwas, keine dualistische Wahrnehmung. Kein Körper, kein Geist, nur Bewusstsein.“ ↑
Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg – eine Reise zum wahren Sinn des Lebens, btb Verlag, 2020, Seite 331ff
Mystische Erfahrung einer Zen-Schülerin
„Im Nichts angekommen, wird alles zu nichts. Es gibt hier kein Gesetz, kein Gut und Böse, kein Leben und keinen Tod. Keinen Gott, keine Erlösung, keine Sünden, kein Karma. Keine guten und keine bösen Absichten, keine Vorstellungen mehr, keine Werte mehr. Kein Morgen und kein Gestern. Nur dieser eine wunderbare Augenblick. Ich bin absolut frei. Es ist mein Zuhause, es ist unser aller Zuhause. Es gibt nichts, keinen Menschen, kein Ding, kein Tier, kein Staubkorn, das nicht aus ihm entspringt. Es ist wunderbar. In mir ist absoluter Frieden und Liebe.“ ↑
Willigis Jäger, Geh den inneren Weg – Texte der Achtsamkeit und Kontemplation, Herder, 2019, Seite 16f
Mystische Erfahrung im Nachgang einer Yoga Klausur
„(…) sie führte in eine immer größer werdende Bewußtheit und zu einer geistigen Wachheit, ja, zu einer Über-Wachheit. Am Ende kam es zu einer raum und -zeitlosen Erfahrung des ‚Kosmischen Bewußtseins‘. Die Erfahrung dort war: ich bin eins mit Allem, mit dem gesamten Kosmos, ich bin reines Sein. Der Zustand dauerte vielleicht 20 oder 30 Minuten, es hätte auch eine Ewigkeit vergangen sein können, es war ja ein Zustand der Zeitlosigkeit. Hier hatte es auch kein ‚Ich-Gefühl‘, keine Ich-Erfahrung mehr gegeben.“
Hartmut Neumann, Das neue Gottes- und Menschenbild, » Link…
„In der ersten ‚Erleuchtungsstufe‘ erfährt die sich hingebende Seele sich als eins mit dem ganzen Universum, als nichtgetrenntes Sein in allem Sein. Mystiker bezeichnen diesen Seinszustand als frei von Raum und Zeit, als wären Augenblick und Ewigkeit während der Erleuchtung verschmolzen. Dieser Erfahrungs- und Kenntniszustand wird innerhalb der Kirchen als ‚kosmisches‘ oder auch als ‚ozeanisches Bewusstsein‘ bezeichnet.“
„Zuerst befand ich mich im Zustand des kosmischen Bewusstseins, es gab kein Ich-Bewusstsein mehr, nur noch Sein in raum- und zeitloser Seligkeit. Das Empfinden war eine gegenstandslose Wirklichkeit. Aus dem Nichts heraus war plötzlich Liebe da, unbeschreibliche, unvorstellbare Liebe. Sie kam völlig überraschend, füllte das ganze Wesen aus und verdrängte so den vorigen Zustand des kosmischen Bewusstseins. Und diese Liebe wuchs ins Unendliche, aber zeitlos wie eine Explosion, bis nur noch Liebe da war, absolute Liebe. Dieser Zustand absoluter Liebe ist nicht mit Worten oder Begriffen beschreibbar, aber er war anders und vollkommener als die Seinserfahrung im kosmischen Bewusstsein. (…) Er hat die absolute kosmische Liebe, die Erfahrung des Einsseins mit allen Wesen und mit allem, was ist, also auch mit dem allgegenwärtigen Schöpfergeist, erlebt und erfahren. (…)
In der dritten Erleuchtungsstufe verwandelt sich das Bewusstsein erneut. (…) Hierfür ein Gleichnis: Wie, wenn das Licht unserer Sonne in die noch größere Zentralsonne hineinstürzt – mit Ihrer ganzen Substanz und nun Licht zu dieser wird, so könnte man den Wandel vom Christusbewusstsein zum All- Bewusstsein darstellen. Für die Seele, die vorher mit allen Seelen und mit der Allseele eins war, ist es, als wenn diese Seele nun in die Weite des Kosmos hinaus explodiert und zur Weite des Kosmos wird, mit der Erfahrung des ‚Alles und des Nichts‘ im Zustand des Nirvana. Der aus dem Nirvana wiedergeborene wird berichten, dass da nichts mehr war, auch kein Urgrund, auch kein Welt-Ethos, auch kein Gott mehr. Die letzte bezeugbare und personale Gotterfahrung war noch in der Liebes-Seligkeit im Christusbewusstsein. So mag das Christusbewusstsein die Stufe sein, auf der eine personale Gotteserfahrung durch die Liebe noch möglich ist. Doch im All-Bewusstsein und schließlich im Nirvana wird alles apersonal.“ ↑
Kennzeichen einer mystischen Erfahrung
Mystische Erfahrungen sind subjektiv und nicht überprüfbar. Wir wissen nicht, ob die Personen die Erfahrungen tatsächlich gemacht haben oder ob die Berichte ihrer Phantasie entsprungen sind. Es ist dennoch interessant festzustellen, dass viele Erfahrungen, unabhängig vom Kontext, gewisse Parallelen aufweisen. In Anlehnung an Walter Pahnke (siehe unten) weisen mystische Erfahrungen i.d.R. folgende Kennzeichen auf, wobei diese einzeln oder kumuliert auftreten können:
- Unaussprechlichkeit. Die Erfahrung wird als subjektiv tiefgreifend und prägend erlebt, kann aber nur schwer in Worte gefasst werden. Daraus ergeben sich oft paradoxe Aussagen wie z.B. ‚dunkles Licht‘ oder ‚wunderbar schrecklich und wunderbar zart‘.
- Erleuchtungsbewusstsein. Erfahrung von geistiger Wachheit und tiefer Erkenntnis (Offenbarung). Direkte Einsicht in Gott und sein Wirken, wie sie vom diskursiven Verstand nicht ausgelotet werden könnten.
- Einheitserfahrung mit der Welt, dem Universum oder gar mit Gott. Auflösung des Getrenntseins von der Um- und Mitwelt bzw. von Subjekt und Objekt. Mit dem Gefühl ist ist eine Paradoxie verbunden: Während sich das ich-Gefühl in der Einheitserfahrung auflöst, nimmt ein Teil des Bewusstseins ebendiese Einheitserfahrung wahr. Das Ich ist somit auf eine gewisse Art gleichzeitig existent und nicht existent.
- Gefühl von Wahrheit. Tief empfundenes inneres Wissen, dass die mystische Erfahrung wahr und keine Wahnidee ist.
- Empfindung von Heiligkeit und Ehrfurcht gegenüber der Erhabenheit einer als ultimativ erlebten Realität.
- Erfahrungen von grosser Liebe, Glückseligkeit und Ekstase, wie sie in der Liebesmystik ihren Niederschlag finden, aber auch Gefühle von Heiterkeit und Dankbarkeit.
- Transzendenz von Raum und Zeit. Überschreiten der Begrenzung durch Raum und Zeit, Raum und Zeit verlieren an Bedeutung. Gefühl der Zeitlosigkeit, Ewigkeit und reiner «Istigkeit».
- Spontaneität. Mystische Erfahrungen treten spontan auf und lassen sich auch mit spirituellen Techniken nicht bewusst hervorrufen.
- Flüchtig, aber mit nachhaltiger Wirkung. Die Erfahrung selbst wird als ist zeitlich begrenzt beschrieben, kann aber zu dauerhaften, positiv wahrgenommenen Erkenntnissen und Veränderungen im Leben führen. ↑
Mystik im Labor
Viele mögen sich an das Buch „Der Erleuchtung ist es egal, wie du sie erlangst“ von Thaddeus Golas (Sphinx, 1990) erinnern. Der Autor legt darin dar, dass Erleuchtung bzw. mystische Erfahrungen nicht unbedingt mit Anstrengungen, wie z.B. der Meditationspraxis, verbunden sein müssen, sondern auch mit Psychedelika erreicht werden können.
Die folgenden beiden Abschnitte orientieren sich schwergewichtig an einem Artikel von Hasler, Majerus und Vollenweider im „Jahrbuch für biblische Theologie“ von 2023 (Literaturangabe siehe unten).
Psychedelika in der Psychotherapie
Tatsächlich beschäftigt sich mittlerweile die Forschung verstärkt mit Psychedelika. So hat z.B. das Department of Adult Psychiatry and Psychotherapy der Universität Zürich eine eigene Forschungsgruppe zu Psychedelika (Psychedelic Research & Therapy Development) eingerichtet. Wissenschaftlich untersucht wird z.B. die Eignung von Psilocybin bei schweren Depressionen. Die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich bietet zudem für schwere Fälle von Depression Psilocybin-unterstützte Therapien an. In verschiedenen Studien konnte nachgewiesen werden, dass mystische Erfahrungen auf der Basis von Psilocybin eine antidepressive und angstlösende Wirkung entfalten können und auch positive Persönlichkeitsveränderungen begünstigen. Eine 2026 publizierte Studie von Mertens, Koslowski, Betzler, et al (Details siehe Literaturverzeichnis) hat Hinweise auf eine klinisch bedeutsame Wirkung von Psilocybin gezeigt. ↑
Mystische Erfahrungen unter Psychedelika
Wissenschaftlich untersucht wurde und wird auch, inwiefern sich mystische Erfahrungen bzw. Gotteserfahrungen mittels Psychedelika erzeugen lassen. Einer der Pioniere war Aldous Huxley, der 1954 seine Erkenntnisse aus Selbstversuchen mit Meskalin veröffentlichte („The Doors of Perception“ bzw. „Die Pforten der Wahrnehmung“). Huxley verstand Psychedelika als ergänzendes Element in einem spirituellen Kontext von fortgesetzter Meditation und ethischer Lebensführung.
Bekannt ist auch das sog. «Karfreitagsexperiment» (Miracle of Marsh Chapel) von Walter Pahnke (1962). Pahnke stellte in dem Experiment mit 20 Theologiestudenten eine hohe Korrelation zwischen der Einnahme von Psilocybin und mystischen Erfahrungen fest. Dabei mussten die Probanden mindestens 60% von 9 mystischen Dimensionen erlebt haben, um von einer „complete mystical experience“ zu sprechen. Die 9 Dimensionen von Pahnke entsprechen im Wesentlichen den oben dargestellten Kennzeichen einer Gotteserfahrung. Mehrere Teilnehmer haben jedoch anschliessend auch von schwierigen Erfahrungen wie z.B. der Angst vor Ich-Auflösung berichtet.
2006 führte der Neurowissenschaftler Roland Griffiths an der John-Hopkins-Universität ein vergleichbares Experiment unter verbesserten wissenschaftlichen Rahmenbedingungen durch. Das Ergebnis war mit der Studie von Pahnke vergleichbar. Auch hier wurde festgestellt, dass Psilocybin gegenüber einer der Kontrollgruppe verabreichten Substanz signifikant häufiger mystische Erfahrungen hervorruft.
2019 veröffentlichte Griffiths eine Studie, die den Unterschied zwischen natürlichen und Drogen-erzeugten Gotteserfahrungen untersucht hat. Dabei wurden sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen den Erfahrungen festgestellt.
Im Rahmen der verschiedenen Studien wurde festgestellt, dass psychotrope Substanzen nicht automatisch mystikaffine Bewusstseinszustände generieren. Dies hängt vom Setting der Einnahme sowie der Biographie, Bildung und Erwartung der Probanden ab. Aus diesem Grund hat die Studie von Pahnke das Phänomen möglicherweise überschätzt, da die Studie ausschliesslich mit einigen wenigen Theologiestudenten durchgeführt wurde, die sich naturgemäss bereits mit solchen Themen befasst hatten. ↑
Offene Fragen
Es stellen sich nun folgende Fragen:
- Gibt es überhaupt so etwas wie Gott bzw. ein Absolutum und wenn ja, wird bei mystischen Erfahrungen dieses Absolutum erlebt?
- Falls es Gott bzw. ein Absolutum gibt, handelt es sich bei den Drogen-induzierten mystischen Erfahrungen um echte Gotteserfahrungen oder werden durch die Psychedelika lediglich die gleichen neuro-biologischen Wirkmechanismen getriggert?
- Sind die Erkenntnisse aus Drogen-induzierten mystischen Erfahrungen ein Hinweis auf einen transkulturellen Kern von Religion und Spiritualität im Hinblick auf eine kulturübergreifende perenniale Philosophie?
Zu diesen Fragen gibt es keine wissenschaftlich fundierten Antworten. ↑
1) Ob es so etwas wie ein Absolutum oder Gott gibt, wissen wir nicht. Das Absolutum lässt sich möglicherweise erfahren, aber weder seine Existenz noch seine Nicht-Existenz lassen sich beweisen (» Gottesbeweise).
2) Menschen, die mystische Erfahrungen sowohl im Rahmen ihrer spirituellen Praxis, z.B. Zen-Sesshins, als auch mit psychotropen Substanzen gemacht haben, sehen keinen Unterschied in der Qualität der Erfahrung. Ob es sich dabei um eine „echte“ Erfahrung des Absoluten handelt oder ob lediglich die gleichen neuro-biologischen Wirkmechanismen getriggert wurden, ist für uns Menschen kaum zu erkennen. Zudem sind persönliche Erfahrungen immer etwas Subjektives, das sich nur bedingt wissenschaftlich verifizieren lässt.
3) Dass sich alle Religionen in ihrer Essenz letztlich auf die gleiche Grunderfahrung eines Absolutum beziehen, ist eine der Grundthesen von espirit (» Die Essenz der Seiten von espirit). Die These scheint plausibel zu sein. Inwieweit sie sich jedoch wissenschaftlich untermauern lässt, muss an dieser Stelle offen bleiben. ↑
Diskussion
Berichte über mystische Erfahrungen bzw. Gotteserfahrungen sind zwar kein Beweis, aber immerhin ein mögliches Indiz dafür, dass jenseits unserer Alltagserfahrung ein für Menschen grundsätzlich zugänglicher ‚Erfahrungsraum‘ existiert – wie immer dieser zustande kommen mag und was immer dieser bedeutet. Die Mystiker und Religionsstifter haben in dieser Erfahrung das Absolute, den Urgrund bzw. die Quelle allen Seins erkannt. Sie haben ihrer Erfahrung unterschiedliche Namen gegeben und ihren Mitmenschen kulturspezifische Zugänge dazu aufgezeigt, es scheint sich aber letztlich um die gleiche Grunderfahrung zu handeln. Die Meister haben jedoch immer wieder darauf hingewiesen, dass mystische Erfahrungen allein noch keine Erleuchtung oder spirituelle Meisterschaft bedeuten und uns nicht dazu verführen sollten, die Arbeit an uns selbst zu vernachlässigen. Es spricht nichts gegen solche Erfahrungen, aber „sie sind ’nur‘ Erfahrung; flüchtig, obwohl sie ausserhalb der Zeit und so gesehen ewig sind. Die wirkliche Aufgabe besteht darin, sie in unser Leben zu integrieren. Wir sagen im Zen: ‚Die eigentliche Übung beginnt erst mit dem Erwachen'“ (Vanja Palmers, Zen Meister, in Claude Weill, Elysium hin und zurück – mit Psychedelika unterwegs in der zweiten Lebenshälfte, Edition Spuren, 2020). ↑
Literatur
Gregor Hasler, Stéphanie Majerus, Samuel Vollenweider. Mystik im Labor – Die experimentelle Psychedelika-Forschung fordert das Verständnis von Mystik heraus. In: Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd. 38/2023 (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2024, S. 463-486). » download
Willigis Jäger, Die Welle ist das Meer, Herder, 2000
Willigis Jäger, Geh den inneren Weg – Texte der Achtsamkeit und Kontemplation, Herder, 2019
Lea J. Mertens, MSc; Michael Koslowski, MD; Felix Betzler, MD et al. Efficacy and Safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Major DepressionThe EPISODE Randomized Clinical Trial, JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026. » download
Yongey Mingyur Rinpoche, Auf dem Weg – eine Reise zum wahren Sinn des Lebens, btb Verlag, 2020
Claude Weill, Elysium hin und zurück – mit Psychedelika unterwegs in der zweiten Lebenshälfte, Edition Spuren, 2020 ↑